Inhalt
Zwischen Welten
Idee: Tina Breckwoldt
Text: Tina Breckwoldt und Rebecca Scheiner
Musik aus Ländern entlang der Seidenstraße
Kompositionen und Arrangements: Gerald Wirth
Inszenierung: Rebecca Scheiner
Bühne und Requisiten: Martin Mohr und Werner Mohr
Kostüme: Daniela Jelesic
Wissenschaftliche Beratung: Heidi Harrigan (Wien und North Canton), Gerda Lechleitner (Wien), Ted Levin (Dartmouth), Rana Mitter (Oxford), Claudia Römer (Wien), Gebhard Selz (Wien), Atesh Sonneborn (Washington, DC)
Mozartchor 2010 / 2011
Produktion für Schulen in Wien
Bilder
Der Begriff Seidenstraße beschwört Basare und Suqs, Karawanen, Kamele, Moscheen, Stupas, Wüste, Gebirge, Gerüche, bunte Völker, orientalische Gastfreundschaft, wilde Abenteuer, Musik: Über die alte Handelsverbindung zwischen Asien und Europa wurden nicht nur Waren, sondern auch Ideen, Geschichten und Lieder ausgetauscht. Nichts ist im Augenblick so wichtig, wie Wege zu anderen Kulturen zu entdecken, einen respektvollen Umgang miteinander zu lernen und zu pflegen. Es gibt viele Wege zwischen den Welten: Möge dieses Stück einer sein.
Die Musik zu Zwischen Welten ist von musikethnologischen Forschungen inspiriert. Das Rohmaterial stammt aus dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und aus Forschungen von Ingeborg Baldauf und von Ted Levin, dessen The Hundred Thousand Fools of God (Bloomington 1997) unerwartete zentralasiatische Begegnungen bietet.
Christian, der Geist Feng und das sprechende Kamel Fu-pa (dessen Name übrigens "Göttliches Geschöpf" bedeutet) suchen nach dem Ethnologen Huang, der "irgendwo entlang der Seidenstraße" verschwunden ist. Das ungleiche Trio klettert auf Berge, durchquert Wüsten; sie treffen auf Kaufleute, Händler, Bettler, Nomaden, Scheichs, Gaukler, Taschendiebe. Dabei lernen sie eine ganze Menge über Menschen, und zu guter Letzt retten sie sogar Huangs Leben.
Musik spielt auf der Reise eine wichtige Rolle. Die Bandbreite der Lieder reicht von Qawwali, Bhajan und Ghazal bis zu Feldschreien aus Tajikistan. Auch ein arabisches Lied mit christlichem Inhalt ist dabei. Die Sängerknaben singen in den Originalsprachen Arabisch, Farsi, Hindi, Kirgisisch, Mandarin, Marathi, Tajikisch, Türkisch, Uighurisch, Urdu und Usbekisch; es wird getrommelt, geklatscht, getanzt.
Die Autoren haben sich der Seidenstraße auf einem wissenschaftlichen Weg genähert. Es ist Musik, an die man sonst nicht heran kommt; man kann die Noten nirgends kaufen. Ohne die Arbeit der Wissenschaftler wäre das Projekt nicht möglich gewesen", sagt Tina Breckwoldt. Und Gerald Wirth fügt hinzu: "Wir haben eine Menge Musik, die wir bei dieser Gelegenheit nicht verwenden konnten, aber wir hoffen, dass wir irgendwann Geldmittel aufstellen können, um das Projekt auszuweiten. Dutzende Lieder, musikalische Schätze aus Zentralasien, der Mongolei, Syrien, dem Iraq und Armenien sowie die von Ingeborg Baldauf und Max Klimburg über Jahrzehnte gemachten Aufnahmen aus Afghanistan warten noch auf ihre Bearbeitung.
Für Zwischen Welten wurden zunächst elf Lieder ausgewählt. Die meisten lagen Wirth nur als Tonaufnahme vor; ein chinesisches Lied wurde 1911 auf einem Wachszylinder festgehalten - näher kommt man an 'echte' Weltmusik nicht heran. Viele dieser Aufnahmen sind spontan gemacht worden; auf der Straße oder auf dem Feld, ohne Vorbereitung oder besonderes Gerät. Man muss die Lieder in unser Tonsystem übertragen; es geht darum, den Geist eines Liedes zu erfassen. Wirth hat die Lieder so arrangiert, dass die Sängerknaben sie gut singen können. Wir haben nicht den Anspruch, 'authentische' Weltmusik zu machen, das wäre vermessen. Wir wollen dem Original gerecht werden, indem wir es mit Respekt behandeln; aus der Begegnung entsteht etwas Eigenes. Wirth, Raoul Gehringer, Kapellmeister Florian Schwarz und die Stimmbildner Erasmus Baumgartner, Dr. Gerhard Hörl und Barbara Palmetzhofer haben die Lieder mit den 24 Knaben des Mozartchors geprobt. Jedes Lied wird mit einer anderen Technik gesungen, hat seinen eigenen Klang. Die Feldschreie sind echte Schreie, sagt Wirth, im Qawwali improvisieren die Kinder; Shoch va gado muss lyrisch sein und beim Arabischen Wa habibi muss man ganz eigene Tonhöhen finden. Wir haben den Kindern die Originalaufnahmen vorgespielt. Sie mochten den Ausdruck, den Schwung, den Rhythmus, und sie haben sich das zu eigen gemacht. Sie haben Tag und Nacht die Melodien vor sich hin gesummt oder gesungen.
Ein wichtiger Aspekt des Projekts war die Inszenierung. Die Kinder spielen mit Begeisterung Theater. Wir hatten großes Glück, dass wir Rebecca Scheiner als Regisseurin verpflichten konnten, meint Wirth. "Sie motiviert zu ungeahnten schauspielerischen Höhenflügen". Scheiner hat ein schnelles, witziges Stück mit bunten Massenszenen inszeniert, an dem ihre jungen, quirligen Akteure sichtlich Spaß haben. Es gibt einen Basar, eine Gerichtsszene, einen Regentanz, einen Wettbewerb im Drachentanzen und eine Wüstendurchquerung mit Fata Morgana. Sogar einen Sandsturm hat Scheiner auf die Bühne gebracht. Auf dem Basar preisen Händler ihre Waren an, singt eine Qawwali-Gruppe. Ein Schlangenbeschwörer hypnotisiert eine täppische Stoffschlange. Währenddessen gibt es einen Breakdance, und ein kleiner Gaukler schluckt auf der Bühne große Schwerter. Der Zuschauer muss genau aufpassen, wenn er den Taschendieb sehen will.
Die Jungs sind großartig, sagt Rebecca Scheiner. Sie hören sich die Regieanweisungen an und dann spielen sie, was das Zeug hält; aber sie lassen nichts durchgehen. Sie sehen Aspekte einer Szene, an die man gar nicht gedacht hat. Große Mengen Wasser, Schokolade und Gummibären waren Schlüsselzutaten bei den Proben.
Für die junge Regisseurin ist Zwischen Welten eine Aufforderung für ein besseres Verständnis zwischen Menschen und Völkern. Die drei Reisenden sind überall, wo sie hinkommen, Gäste. Sie treffen auf verschiedene Kulturen, sie beobachten, aber sie greifen nicht ein. Deshalb werden sie überall akzeptiert.
Bildhauer Martin Mohr und Werner Mohr haben das tragbare, faltbare und sängerknabengeprüfte Bühnenbild entworfen: die große Karte von der Seidenstraße verwandelt sich in einen Basar, bildet Minarette und Kuppeln, Zinnen aus Lehm komplett mit Geiern und chinesischen Drachen. Jalousien öffnen sich und geben bemalte Torwege frei und zum Schluss entfaltet sich, aus dem Nichts, die chinesische Mauer: pure Magie. Die Mohrs sind auch für die elegante Erscheinung des Kamels verantwortlich. Die bunten Kostüme stammen aus der eigenen Kostümschneiderei des Knabenchors.
Die Knaben des Mozartchors sind mit dem Ergebnis hoch zufrieden. "Auf der Bühne war immer etwas los", meint Björn. Und Patrick und Nathan, die für die Kulissen verantwortlich waren, geben zu, dass sie manchmal ganz schön geschwitzt haben, "ob auch alles klappt". "Aber das war es wert", ist Patrick überzeugt. Und Nino ergänzt: "Am besten hat mir gefallen, wenn die Kinder im Publikum laut mitgesungen haben. Da haben wir gewusst, dass sie Spaß haben."
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